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Der Rosenkavalier: Wiener Glanz und Schmäh in Berlin

Verantwortlicher Autor: Richard J. Flohr Berlin, 24.02.2020, 17:26 Uhr
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Berlin [ENA] Der Wiener André Heller zaubert treffsicher Glanz und Schmäh seiner Heimatstadt in gezügelter Opulenz in die Staatsoper Unter den Linden Berlin. Der Rosenkavalier von Richard Strauss ist die Premieren-Inszenierung des Österreichers und hat das Zeug, für lange Zeit im Spielplan der Hauptstadt-Bühne zu verbleiben. Am Pult der Staatskapelle unterstreicht der wieder genesene Zubin Mehta sanft die Schönheit der Musik.

Freitag, 9. Februar 1917 - der Besetzungszettel einer Benefizveranstaltung im kriegsgebeutelten Wien zugunsten des k. und k. Kriegswitwen- und Waisenfonds erwartet die Zuschauer bei Betreten des grossen Saales der ehrwürdigen Berliner Staatsoper unter den Linden, groß auf eine Leinwand projeziert. Die Ankündigung dieser Benefizveranstaltung des 1911 erfolgreich uraufgeführten Rosenkavaliers von Richard Strauss listet viele bedeutende Künstler, prägend für diese Periode des Fin du siecle, der großen sozialen und politischen Veränderungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Oper mit starker gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung

Für sein Komödien-Gemälde von der Liebe, die Institution der Ehe und des Klassenunterschieds des aufstrebenden Bürgertums gegenüber der Arroganz und Borniertheit des Adels zimmerte der österreichische Dichter Hugo von Hoffmansthal sein brillantes Libretto aus diversen Vorlagen. Die Handlung rankt um den wilden aufgeblasenen Baron Ochs von Lerchenau und seinen Liebeleien, der durch eine Intrige seines jungen Cousins Octavian entlarvt wird, und seine aus Geldnot motivierte arrangierte Verlobung mit der reichen Bürgerstochter Sophie von Faninal auflösen muß. Octavian, ebenfalls nicht unbescholten im Umgang mit reifen edlen Frauen und Liebhaber der Fürstin Werdenberg (der Feldmarschallin) findet in Sophie seine wahre Liebe.

Richard Strauss vertonte die Komödie als weitere bedeutende Literaturoper nach den dramatischen Epen Salome (nach Oscar Wilde) und Elektra (als erstes Werk nach einem Libretto von Hugo von Hoffmansthal). Der gefeierte Wiener Multimedia Künstler Andre Heller hat in seiner langjährigen Karriere mit vielen Projekten und Kunststücken auf sich aufmerksam gemacht, als Sänger Wiener Chansons, als Performance Künstler, als Zirkusdirektor, als Gartenarchitekt und vielem anderen. Ästethik, Sinn für das Schöne und große Gefühle stellen eine Grundkomponente seiner Inszenierungen dar. Dem Genre Oper widmet er nun in Berlin in der Neuinszenierung dieser Urwiener Komödie sein erstes Werk.

Handlung ins Jahr 1917 verlegt

Diese fiktive Benefizveranstaltung 1917 unter Mitwirkung von Gustav Klimt, Kolo Moser unter Patronat der Durchlaucht Fürstin Thurn und Taxis ist Aufhänger für André Heller, die Handlung in den Beginn des 20. Jahrhunderts, also in die Entstehungszeit des Werkes selbst zu verlegen. So entspricht auch vieles der Handlung den sozialen und gesellschaftspolitischen Problemen des untergehenden Absolutismus und der Hegemonie des Adels. Auch die aufkeimende Emanzipation und beanspruchte Selbstständigkeit der Frau entspricht dem Text.

Farbenrauschendes Bühnenbild von Xenia Hauser

Das Bühnenbild des ersten Aktes greift die europäische Begeisterung für den Japanismus auf. Die österreichische Künstlerin Xenia Hausner versetzt das fürstliche Schlafzimmer in einen dezent changierenden Farbenrausch. Große Naturmotive als Wandtapeten, ein Paravant mit japanischen Motiven und eine klare einfache Linie des Mobiliars entsprechen dem Zeitgenuß. Zur besseren Perspektive auf die Bühne hat sie die Seitenwände entlang des Orchestergrabens bis in den Zuschauerraum mit marineblauen Wänden und kleinen ovalen Fensteröffnungen mit einbezogen. Liebevoll verspielt läßt André Heller die beiden Liebenden ihr Geheimnis ausleben. Mohammed erhält ein Tischlein-deck-dich mit Lift aus dem Untergrund. Baron von Lerchenau schneit in die Idylle.

Liebevoll verspielt läßt André Heller die beiden Liebenden ihr Geheimnis ausleben. Mohammed ist bereits erwachsen und mit weißem Anzug elegant gekleidet; ein Tischlein-deck-dich läßt er mit Lift aus dem Untergrund erscheinen. Der Baron von Lerchenau schneit in hellem Leinenanzug in die Idylle und bekommt von seiner Cousine Octavian, der sich in der Eile als Kammerzofe verkleidete und als solcher der Zudringlichkeit des Barons kaum erwehren kann, als Rosenkavalier seiner Hochzeit vermittelt. In diesen Handlungsablauf eingeflochten ist das Lever, der morgendliche Empfang im Schlafgemach der Fürstin mit einem großen bunten Durcheinander von Bittstellern, Intriganten, Personal und anderen Höflingen in anblickheischenden Gewändern.

Sophie mit der silbernen Rose und Octavian

Im zweiten Akt wird das Palais des neureichen Herrn von Faninal zum Jugendstil-Kulttempel. Das berühmte Beethoven-Fries der Wiener Secession ist in den Hintergrund projiziert. Eine elegante Gesellschaft, üppig von Arthur Arbesser in phantasie- und sehr geschmackvolle Kleider gesteckt, hat sich eingefunden. Maler Gustav Klimt hat auch kurz seinen Auftritt, einer Vernissage nachempfunden. In die bunte Gesellschaft mischt sich Octavian in klassischer Rokokorobe mit der silbernen Rose und der polternde Baron von Lerchenau samt Lakaien in Tracht. Turbulent gestaltet Heller diesen Akt, wird aber in der Personenführung der zahlreichen Anwesenden holprig und unschlüssig. Die Intimität der ersten Liebeserkenntnis von Octavian und Sophie geht unter.

Im dritten Akt lädt der Baron in ein luxuriöses Palmenhaus mit arabischem Zelt für die erhoffte Liebesnacht mit der vermeintlichen Kammerzofe. Arabisch ist das Mobiliar mitsamt großen Polstern zum Liegen und Entspannen. Ein Übermaß an stimmungsvollen Laternen behindert die Massenszenen. Nahezu konzertant wird das Ende, um der Schönheit der Musik im Schlußbild gebührend Raum zu lassen. Wiederum bezaubern die eleganten Roben der Feldmarschallin und von Sophie.

Ausgewogene Balance zwischen Ausstattung und Musik

In Summe ist die Inszenierung schlicht und aufgeräumt; pompöse Reizüberflutung, die oft genug erwartet wurde, fehlt. Es besteht eine ausgewogene Balance zwischen der Schönheit der Ausstattung und der Musik. Musikalisch inszeniert Zubin Metha, nach schwerer Krankheit zurück am Pult der Staatskapelle. Mit viel Applaus wird er begrüßt, und zackig juckt er die ersten schwungvollen Töne der Partitur heraus. Er baut großen Orchesterklang auf ohne die Lautstärke zu übersteuern, forciert eine Zusammenballung der Instrumentenstimmen und verzichtet auf Transparenz. Mit Augenmaß setzt er die Tempi, akzentuiert schleift er die Walzerklänge zu einer echten Wiener Milieustudie. So trifft die klare Linie der Bühne auf getrimmte Opulenz im Orchestergraben.

Die Sänger können reichlich Raum für ihre Gestaltung nutzen. Das tut Günther Groissböck nahe am Überfluß. Sein Ochs wird zur Hauptfigur, die Komödie umspielt ihn charmant, obwohl er am meisten mit seiner Aufdringlichkeit agiert. Als Österreicher liegt ihm der Wienerische Dialekt ohne aufgesetzt zu wirken und seine Baßstimme ist in Höchstform. Blond auftoupiert wirkt Camilla Nylund als eine lebenslustige sehr menschliche Fürstin. Ihr Zeitmonolog scheint sie nicht übermäßig zu berühren, wie auch der Verlust des jungen Liebhabers. Stimmlich sicher und rein in der Höhe vermisst man Schmelz und Gefühl in ihrer Lebensphilosophie.

Berühren kann Michele Losier, die Octavian überzeugend pubertierend burschenhaft und jugendlich stürmisch spielt. Ihr feiner Mezzo sprüht farbenreich Stimmungen, klettert sicher und fest intoniert in die Höhen und witzelt in breitem Wienerisch. Adeligen Glanz verleiht Nadine Sierra der wohlerzogenen ehrgeizigen Bürgerstochter Sophie, die ebenso ungestüm, kokett wie innig liebend in den höchsten Tönen wohlklingend zu Hause ist. Ihr Vater - Ensemblemitglied Roman Trekel als der finanzstarke Aufsteiger Faninal - spaziert auffällig im goldenen Anzug herum. Stimmlich setzt er wenig Akzente.

Inszenierung verspricht langen Erfolg

Die zahlreichen kleineren Rollen sind durchgehend gut besetzt. Atalla Ayan als Sänger ist im roten Samtfrack mit grauer Wuschelmähne ein Hingucker, Glanz und tenorale Strahlkraft fehlen. Viel Beifall und Anerkennung am Ende durch das Publikum, gab es bei der Premiere doch noch nicht nachvollziehbare Buhrufe für die Inszenierung. André Heller und sein Team haben hier eine schlüssige, textgetreue Inszenierung ohne Provokation in schönen Bildern gestaltet, die zeitlos lange in den Spielplan aufgenommen werden kann.

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